Die neuen Kosten des Öls

In der öffentlichen Diskussion zur deutschen Energiepolitik spielen derzeit die Kosten eine große Rolle. Zu hohe Energiekosten gelten als Bedrohung des Wirtschaftsstandortes, sozial verträglich sollen die Energiekosten auch sein. Die IHK Rostock brachte es vor Jahren mal auf den Punkt: „Energie soll billig sein“. Prinzipiell ist dagegen auch nichts einzuwenden, Energie muss bezahlbar sein, wenn sie in der Volkswirtschaft einen Nutzen stiften soll.

In den letzten Wochen kam ganz leise eine Reihe von Börsenmeldungen, die ebenfalls mit hohen Kosten verknüpft waren. Eine große Ölfirma nach der anderen hatte einen Gewinnrückgang vermeldet. ExxonMobil, Shell und Chevron eröffneten den Reigen. Die drei sorgten dann auch für eine entsprechende Schlagzeile im Wall Street Journal. Bei Shell kam die Meldung auch etwas lauter in Form einer Gewinnwarnung daher, 40 % Gewinneinbruch lassen aufhorchen. Der Reigen komplettierte sich mit Total, BP, StatOil, ConocoPhillips, Hess und anderen. Hatte Fatih Birol von der IEA vor wenigen Jahren noch angekündigt: „die Zeiten des billigen Öls sind vorbei„, bekommen es jetzt die Firmen zu spüren, die von vielen wegen angeblicher Abzocke am Ölmarkt gebrandmarkt werden. Seit mehr als 2 Jahren bewegt sich der Ölpreis bei ca. 100 $ je Barrel. Dieser Preis hat Investitionen motiviert, mit der die weltweite Ölförderung nahezu konstant geblieben ist. Dieser Preis reicht jetzt jedoch nicht mehr aus, um neue Großprojekte bei gleichbleibenden Gewinnen zu finanzieren. Wie wichtig diese Großprojekte für die weltweite Erdölförderung sind, wurde in der Dissertation von Robelius ausführlich dargestellt.

In den Quartalsmeldungen der Ölindustrie war auch eine weitere Information enthalten: die Investitionen werden gestrafft, die Förderprognosen für die Zukunft werden nach unten korrigiert. Übersetzt auf das Gesamtbild heißt das: nachdem die Förderung konventionellen Erdöls ihr Maximum 2005 erreicht hatte und nur durch unkonventionelle Quellen und andere Flüssigkeiten ausgeglichen werden konnte, steht jetzt die finanzielle Situation der Konzerne im Focus. Die Ölförderung dieser Konzerne fiel in den meisten Jahren seit 2005 sowieso, es werden jetzt auch die Anstrengungen reduziert, diesen Rückgang aufzuhalten. Damit wird die Welt, und vor allem die OECD-Staaten,  mit einer neuen Realität konfrontiert, in der sich der Markt wieder ändern muss. Seit Mitte der 2000er Jahre gab es eine Begrenzung des Ölangebotes, die die hohen Preise motivierte. Jetzt reichen auch diese hohen Preise nicht mehr, um die nach üblichen ökonomischen Modellen folgende Ausweitung des Angebotes zu stimulieren. Schlimmer noch, angesichts der langen Vorlaufzeiten für neue Ölprojekte, werden steigende Preise bereits allein für die Aufrechterhaltung des Status Quo benötigt. Diese können aber nicht von allen Marktteilnehmern getragen werden. Mir selbst ist es ein großes Rätsel, wie eine wirtschaftliche Erholung in Griechenland, Spanien, Irland oder der Ukraine gelingen soll, wenn gleichzeitig die Kosten für eines der wichtigsten Wirtschaftsgüter im Land steigen. Dabei muss die Kostensteigerung am Ende auch dazu führen, dass Marktteilnehmer ihren Verbrauch reduzieren bzw. nicht mehr mitbieten! Die Reduzierung der Nachfrage in weiten Teilen Europas und den USA haben wir bereits. Eine ebenfalls zu erwartende Eskalationsstufe haben wir auch schon erlebt, der Preis steigt, schlagartig kommt es zu Verwerfungen an den Finanzmärkten, in der folgenden Krisensituation bricht die Nachfrage und damit auch der Preis ein.

Zur dann folgenden Reaktion der Ölindustrie kann nur spekuliert werden. Um es noch einmal klar zu stellen, die Ölindustrie macht zur Zeit noch gute Gewinne. Die neue Situation ist jetzt, dass die steigenden Kosten und damit die schrumpfenden Gewinne eine Aufrechterhaltung  derzeitiger Investitionen, Dividendenausschüttungen, Pensionszahlungen usw. für die Zukunft unmöglich machen. Sehr schön zusammengefasst wurde dieser Sachverhalt in einem Vortrag von Steven Kopits. In seinen Vortragsfolien wurde auch zusammengefasst, welchen Ölpreis die Unternehmen für die Aufrechterhaltung ihrer Zahlungen benötigen. Die Hälfte der betrachteten Unternehmen braucht bereits mehr als 150 $/Barrel! Ein Preis, der für viele Volkswirtschaften außerhalb ihrer Möglichkeiten liegen dürfte.

Zurück zur Anfangs erwähnten Kostendiskussion. Es sollte klar sein, dass angesichts der aktuellen Entwicklungen die Forderung nach sozial verträglichen Energiepreisen langfristig absurd wird. Kurzfristig wird vielleicht die Möglichkeit der Subvention bestehen, langfristig geht es nur um Einsparung, weniger Verbrauch und Substitution mit erneuerbaren, vom Öl unabhängigen Energieträgern. Wie einfach das in vielen Bereichen bereits jetzt gehen kann, hat Marcel Hänggi in seinem Buch „Wir Schwätzer im Treibhaus“ schön zusammengefasst. Die Energiewende ist kein Schönwetterprojekt. Nein, sie soll und muss die Funktion unserer Volkswirtschaft in den nächsten Jahren sichern. Die eigentlich benötigten Zeiträume wurden im Hirsch-Report bereits ausführlich dargestellt. Wir befinden uns bereits hinter dem notwendigen Zeitplan. Können wir uns weitere Verzögerungen wirklich leisten?

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Nachrangige Fernwärme?

In der Diskussion der Energiewende steht zumeist das Thema elektrische Energie im Fokus, für eine deutliche Effizienzsteigerung der Energienutzung in Deutschland muss aber auch die Wärme betrachtet werden. Eine sehr effiziente Wärmeversorgung kann über Verbrennungsmaschinen mit Kraft-Wärme-Kopplung erreicht werden, besonders wenn die Wärme in Nah- oder Fernwärmenetzen genutzt wird. Bundes- und landespolitische Zielsetzung ist ein Ausbau der Kraft-Wärme-Nutzung. Deshalb ist es sehr bitter, wenn auf diesem Gebiet in einzelnen Orten Rückschritte erfolgen. Durch die Insolvenz ihres Heizkraftwerkes müssen sich zahlreiche Einwohner des Ortes Feldberg mit Alternativen zu ihrer Wärmeversorgung beschäftigen. Eine ausführliche Einführung in das dortige Problem gibt ein Beitrag des Nordmagazins des NDR.

Ausgangspunkt ist die Insolvenz eines Heizkraftwerkes, dass in einer dünn besiedelten Gegend mit Holz betrieben wird, jedoch seit Jahren nicht effizient betrieben werden kann. Offensichtlich war keiner der bisherigen Besitzer in der Lage, ein Konzept für eine energetische Optimierung und damit finanzielle Lösung zu finden. Zuletzt war das Heizkraftwerk in Besitz einer Beteiligungsgesellschaft, die ihrerseits ebenfalls insolvent ist.

Die Bürgermeisterin von Feldberg weist zurecht darauf hin, dass in der bundesdeutschen Gesetzgebung Lücken existieren. Der Staat garantiert die Versorgung mit Strom und Erdgas, aber nicht mit Fernwärme. Es gibt für Kommunen keine Möglichkeit, den Weiterbetrieb eines privaten Wärmenetzes im Falle einer Unternehmensinsolvenz sicherzustellen. Diese Lücke hat weitreichende Konsequenzen, wie jetzt auch im Beispiel Feldberg zu erleben sein wird.

Derzeit erfolgt bei den Wärmekunden in Feldberg eine hektische Umstellung der Wärmeversorgung auf individuelle Gasheizungen. Als temporäre Übergangslösung haben die Stadtwerke Neustrelitz im Auftrag der Kommune einen Notbetrieb der Wärmeversorgung über einen Ölkessel sichergestellt. Jetzt soll auch ein Konzept für die Zukunft folgen. Ob dieses überhaupt noch greifen kann, wird die Zukunft zeigen.

Der Neubau eines Wärmenetzes in bestehenden Wohn- oder Gewerbegebieten erfordert viel Überzeugungsarbeit, kann ein solches Netz doch erst mit einer ausreichenden Anzahl und Dichte von Wärmeabnehmern sinnvoll betrieben werden. Jetzt gibt es ein Netz, die bisherigen Kunden haben jedoch im großen Umfang ihre Heizungsanlagen ausgetauscht und entsprechende Investitionen getätigt. Es ist kaum zu glauben, dass diese nach der hastigen Investition jeweils eines 5-stelligen Betrages wieder zurück an das Wärmenetz wechseln werden. Ebenso unwahrscheinlich ist, dass ein neuer Betreiber diese Investitionssummen zusätzlich übernehmen wird, um die Kunden als Wärmekunden zurück zu gewinnen. Zumal das Vertrauen in die lokale Wärmeversorgung nachhaltig zerstört sein dürfte.

Diese Situation verdeutlicht, wie wichtig die Lösung der von der Feldberger Bürgermeisterin benannten Gesetzeslücken sind. Die besondere Situation hat zur Entwertung eines Wärmenetzes geführt, dass eigentlich noch über Jahrzehnte in Betrieb sein könnte. Die Wiederaufnahme des Betriebes des vollständigen Netzes ist auf kurze Sicht nicht mehr zu erwarten. Energie- und klimapolitisch macht der Ort Feldberg einen Riesenrückschritt. Die Gemeinde Feldberger Seenlandschaft hat jedoch auch andere private Wärmenetze, wie eine entsprechende Auflistung von Förderausgaben des Landes M-V zeigt.

Die Bundesregierung muss zeigen, dass sie es ernst mit der Energiewende meint und Lösungswege finden, die eine rechtlichen Rahmen setzen, der zumindest die Endverbraucher schützt. Im Strom- und Gassektor gibt es diese Lösungen, warum nicht auch für Wärmenetze? Was macht die Gasversorgung so besonders, dass sie gesetzlich eine höhere Priorität haben soll als ein Fernwärmeanschluss?

Übrigends lohnt sich ein kleiner Blick auf unseren Nachbarn Dänemark. Dort gibt es bereits rechtliche Rahmenbedingungen, der Kommunen umfangreiche Interventionen in Wärmenetzen ermöglicht. Das Gesetz über die Wärmeversorgung (lov om varmeforsyning) verpflichtet Kommunen zu einer Wärmeplanung und die Förderung der Kraft-Wärme-Kopplung, gibt bereits in der Planungsphase zahlreiche Steuerungsmöglichkeiten und ermöglicht Maßnahmen zur Steigerung der Effizienz bestehender Anlagen und Netze. Das Gesetz selbst wurde als direkte Folge der Ölkrise in den 70er Jahren eingeführt und seit dem weiterentwickelt. Dänemark selbst ist dabei Öl- und Erdgasexporteur. Die heutigen Gesetze verbieten dort sogar die Umrüstung Gasheizung.

Energiewende eine Gefahr für Deutschland?

In der überregionalen Wochenzeitung DIE ZEIT fand sich vor kurzem ein Gastbeitrag unter dem Titel: Mehr Erdgas! Dieser Beitrag wurde von Daniel Yergin und Ralf Wiegert verfasst. Beide sind führende Vertreter der Analysefirma IHS bzw. eines deutschen Ablegers. Auf die Person des Daniel Yergin soll am Ende noch einmal kurz eingegangen werden.

Der Gastbeitrag beinhaltet eine Reihe von knackigen Aussagen, Thesen und am Ende aucch Forderungen, die auf den Vorteilen der sogenannten „Schiefergasrevolution“ beruhen. Ausgangspunkt des Artikels sind die niedrigen Energiepreise und die damit ausgelöste Investitionswelle in den USA. Demgegenüber werden Nachteile in Europa durch hohe Energiepreise gestellt. Nachfolgend sollen einzelne Aussagen näher betrachtet werden.

Interessant ist die Zahl von 114 Milliarden Dollar Investitionen in den USA in 2012. Zu dem Umfang und den Hintergründen der Investitionen und Industrieansiedlungen in den USA kann und möchte ich an dieser Stelle nichts beitragen. Es ist sicher ein interessantes, aber auch komplexes Thema. Zu der genannten Zahl soll jedoch eine andere hinzugestellt werden: 153,7 Milliarden Dollar — diese Summe haben alle öl- und gasfördernden Unternehmen in den USA 2012 an Bohrkosten ausgegeben. Die USA haben mit ihrer eigenen Öl- und Gasförderung ein eigenes gigantisches Konjunkturprogramm, ohne auch nur eine Kalorie davon zu exportieren (Gesamtbilanz). Diese Summe reicht derzeit noch, die Produktion zu steigern. Angesichts der Tatsache, dass der Abfall der konventionellen Öl- und Gasförderung durch unkonventionelle Quellen ersetzt werden muss, wird eine derartige Summe in naher Zukunft allein für die jährlich notwendige Substitution von aktiven Bohrlöchern notwendig werden.

Schiefergas gilt in den USA als billig. Der Beitrag verschweigt wieder einmal gekonnt, dass die Gasförderung für den größten Teil der Akteure in den USA nicht kostendeckend ist. Wenn 3 namhafte Vorstandsvorsitzende bzw. ein ehemaliges Vorstandsmitglied von Öl- und Gasunternehmen mit eigenen Worten ähnliche Aussagen treffen, könnte ein Körnchen Wahrheit darin stecken: Rex Tillerson (ExxonMobil) verliert sein letztes Hemd, Aleksej Miller (Gazprom) sieht alles in rot und Peter Voser (Shell) erklärt einen Mythos. Zwei der Herren mussten bereits deutliche Abschreibungen auf das Geschäft mit dem billigen Gas erklären, Herr Voser hat sogar seine „Wette“ bedauert. Was wir derzeit erleben ist eine temporäre Situation mit Überangebot, die aktuell noch zu niedrigen Preisen führt. Zu den Ursachen gibt es eine Reihe von Erklärungsansätzen (hier ein Beispiel), der Finanzstrom scheint aber schon auszutrocknen.

Sehr schön sind immer wieder die Projektionen der USA als größter Ölförderer. Aktuell beliebt ist eine Zahl, die Erdöl und Erdgasförderung im Energiegehalt zusammenzählt, womit die USA derzeit dann auch Saudi Arabien überflügeln. Als größter Verbraucher kann und muss die USA aber auch versuchen, die Importe durch maximale Ausbeutung der eigenen Bodenschätze gering zu halten. Alles andere wäre bei steigenden Energiepreisen finanzieller Selbstmord. Ob die derzeitigen Projektionen eintreten, ist mehr als fraglich. Zwar geht die amerikanische Behörde EIA von einer weiter steigenden Ölproduktion aus, die vollständige Ablösung der Importe wird auch dort nicht gesehen. Zudem wird noch vor 2020 die Ölförderung wieder fallen!

Ein weiteres Highlight des Artikels ist die Zahl der neuen Jobs in den USA aufgrund der neuen Öl- und Gasförderung – 2,1 Millionen. Diese Zahl von IHS umfasst direkte und indirekte Jobs, vom Ölarbeiter am Bohrturm bis zur Walmart-Aushilfe beim Einpacken. Das diese Zahlen auf wackeligen Füßen stehen, wird auch in den USA bereits diskutiert. Die Rechnung scheint ein wenig an ähnliche Zahlenübertreibungen eines hiesigen Autoverbandes zu erinnern.

Ein häufig zitiertes Argument pro Erdgas aus Schiefergestein ist der geringere CO2-Ausstoss. Auch hier sollte allerdings nicht zu sehr hingeschaut werden. Im Jahr 2013 sind nach vorläufigen Zahlen der EIA in den USA die CO2-Emissionen leicht gestiegen. Die stärkere Erdgasnutzung auf der Seite des Energieverbrauches hat jetzt schon keinen Effekt mehr. Verschwiegen wird das Problem auf der Förderseite, wo nachweislich die Methan-Emissionen höher sind als bisher angenommen. Methan ist als klimawirksames Gas viel potenter als CO2, auch wenn die Verweildauer in der Atmosphäre deutlich kürzer ist. Mehrere Analysen haben sich bereits mit den verschiedenen Freisetzungsmöglichkeiten auseinandergesetzt. Ein Teil der Emissionen könnte mit heutiger Technik vermieden werden, beim Thema Schiefergas sind aber eine ganze Reihe von Maßnahmen notwendig. Ein Beispiel ist die Vermeidung von Methanfreisetzungen aus dem zurückfließenden Frackingwassers. Einige Autoren gehen mittlerweile davon aus, dass die Nutzung von Schiefergas in den USA in der Gesamtbilanz klimaschädlicher ist als die Verwendung von Steinkohle. Diese Sicht ist nicht unumstritten und wird beispielsweise in einer Studie für die EU-Kommission abgelehnt. Unumstritten bleibt, dass die Nutzung von sogenannten Schiefergas gegenüber Erdgas aus konventionellen Quellen die relevanten Emissionen deutlich erhöht. Für Deutschland würden im Falle einer Umstellung der Förderung auf diese Methoden in vielen Kommunen die Emissionen spürbar ansteigen und die bisherigen Einsparerfolge zunichte machen.

Die Autoren beschreiben die Risiken als eher klein. Eine interessante Aussage angesichts der Tatsache, dass in den USA das Wissen über die resultierenden Auswirkungen erst langsam wächst. In einem kleinen Teil der Fracking-Operationen kommt es zu Havarien. Angesichts der großen Anzahl von über 40000 Bohrungen im Jahr bleibt immer noch eine spürbare Anzahl von Havarien. Allein in Pennsylvenia wurden in den letzten 5 Jahren 100 Fälle von verseuchten Trinkwasser durch Bohrungen der Öl- und Gasindustrie bestätigt. Ein weiterer Kritikpunkt ist z.B. die Verursachung von Erdbeben, Wir kennen in Europa solche Probleme aus dem Kohlebergbau. Ein weiterer interessanter Aspekt ist die Übernutzung öffentlicher Infrastruktur. In Teilen von Texas wurde festgestellt, dass die Kosten für die notwendige Ertüchtigung der Strassen für die Öl- und Gasgewinnung aus Schiefergestein die lokalen Steuereinnahmen aus der Förderung überschreitet.

Die Menge an verfügbaren Schiefergas in den USA ist immer wieder ein heißes Thema. Die 100 Jahre Reichweite haben sich, seitdem auch Präsident Obama davon sprach, in den Köpfen festgesetzt. Allerdings kann diese Aussage anhand offizieller Zahlen nicht nachvollzogen werden. Reserven kennzeichnen den Teil eines fossilen Energieträgers der nach aktuellem Stand technisch und ökonomisch förderbar ist. Danach kommen Ressourcen, entweder technisch nicht erschliessbar oder ökonomisch nicht sinnvoll förderbar. Auf der Grundlage der aktuellsten Zahlen der EIA haben die USA gesicherte Erdgasreserven mit einer hypothetischen Reichweite von 14 Jahren. Alles andere ist derzeit wilde Spekulation.

Sehr schön ist die Behauptung, die deutsche Regierung wäre auf dem falschen Fuß erwischt worden. Die Energiewende ist kein Kind einer einzelnen deutschen Regierung, sondern hat sich über viele Jahre unter dem Einfluss zahlreicher Faktoren entwickelt. Sie ist ein langfristiges Projekt mit vielen Zickzack-Wendungen. Aber sie ist keine Wette auf irgendwelche temporären Energiepreise. Dass derzeit in den USA und einigen anderen Teilen der Welt Erdgas etwas billiger ist, kann nicht der Maßstab für Maßnahmen wie die Energiewende sein. Zudem sind die aktuellen Preise verzerrt, wie oben bereits dargestellt. Deutschland kann mit Schiefergas bestenfalls einen kleinen Teil des eigenen Bedarfes decken. Zudem stellt ein weiterer Preisverfall in Europa die notwendigen Investitionen und damit die langfristigen Lieferungen von Gazprom in Frage. Kann Europa einen Rückgang der Lieferung seines wichtigsten Erdgasverkäufers auffangen?

Die nächste Polemik ist in der pauschalen Aussage der doppelten Energiekosten für die deutsche Industrie. Bei steuerbefreitem Heizöl gibt es nur geringe Preisunterschiede, Strom ist hier für Großabnehmer billiger, Kohle etwas teurer, für Erdgas gilt der doppelte Preis. Die beiden Herren arbeiten für eine Unternehmensgruppe, die sich im Energiebereich auskennt. Was sollen solche Aussagen, bei denen die Autoren genau wissen, dass sie so nicht haltbar sind? Der Beitrag behandelt originär Erdgas und das sollte auch so bleiben. Die zitierte Studie sollte öffentlich, am besten mit einer zusätzlichen Analyse in einem per review Verfahren, diskutiert werden. Eine platte Übersetzung der hier getroffenen Aussagen könnte so lauten: Japan und Südkorea sind wirtschaftlich hoffnungslos verloren, da sie noch einmal deutlich höhere Energiepreise als Deutschland haben. Gibt es dort auch schon eine Studie? Und welche Vorschläge beinhaltet die?

Zum Abschluss stellen die Autoren noch einmal Forderungen für Deutschland:

  1. Weniger teure erneuerbare Energien — im Kern ist diese Forderung sinnvoll. Allerdings müssen dabei auch die langfristige Wirkung, die erschließbaren Potentiale, die Auswirkungen auf die Umwelt und andere Faktoren berücksichtigt werden. Billige Energie um jeden Preis zu fordern reicht nicht. Schon gar nicht, wenn die externen Kosten ignoriert werden.
  2. Erdgas als Ergänzung zu erneuerbaren Energien — eine alte Forderung, die sich aufgrund aktueller Preisstrukturen nicht verwirklicht. Das aktuelle Problem ist aber nicht die Verfügbarkeit von Erdgas, sondern der Preisvorteil von Kohle. Zur Erfüllung dieser Forderung sind dementsprechend auch andere Stellschrauben notwendig.
  3. Energieintensive Betriebe brauchen weiterhin Rabatte — jetzt kommen wir auf den Punkt. Dieser Bereich ist in den letzten Jahren massiv ausgeweitet worden und dann kommen Autoren daher, die hier eine Reform zur weiteren Ausweitung fordern. Der jetzige Zustand ist für die EU Kommission wettbewerbsrechtlich kaum noch haltbar. Die Ausweitung der Rabatte würde dann noch mehr Ungleichgewichte schaffen.

Zum Schluss gibt es dann Zahlen, die noch einmal Denkanstöße geben. Nach Aussage der  Autoren könnten in 2035 40 % des deutschen Gasbedarfes und 20 % des europäischen Gasbedarfes aus Schiefergas gewonnen werden. Gelten diese Zahlen mit oder ohne Kohlenutzung? Derzeit fördern die europäischen Staaten einschl. Norwegen 58 % Ihres Erdgasbedarfes selbst. Die Produktion an konventionellen Erdgas wird in diesen Ländern in der Zukunft sinken. Der Importbedarf wird sich also mit Schiefergas kaum senken lassen, wesentliche Aspekte des Artikels in der ZEIT damit kaum haltbar. Es bleibt der fade Beigeschmack einer Polemik von Lobbyisten.

Zum Schluss sei noch einmal auf die Person des Daniel Yergin verwiesen. Mr. Yergin ist in einschlägigen Informationsportalen kein unbekannter, im Gegenteil erfreut er sich einer zweifelhaften Beliebtheit. Auf theoildrum.com kann sich der interessierte Leser eine Zusammenstellung von Beiträgen über ihn besorgen (Die Seite ist nur noch ein Archiv.). Besonders schön ist eine Zusammenstellung der Vorhersagefähigkeiten von CERA und Damiel Yergin. Die Kurzzusammenfassung gibt es in dieser etwas älteren Grafik:

https://energiewenderostock.files.wordpress.com/2014/01/d4d51-screen2bshot2b2012-03-022bat2b8-59-432bam.png

Für eine unternehmerische Tätigkeit, bei der mittels umfangreicher Daten Prognosen auf die Zukunft erstellt werden, ist die öffentlich bekannte Vorhersage von Entwicklungen in der Gesamtschau eigentlich fatal. Er hat aber immer noch einen guten Ruf in den Medien.

 

Probleme im kanadischen Ölsand

Glaubt man den Prognosen der Energieagenturen IEA und EIA ist die Förderung aus den kanadischen Ölsanden eine der zukünftigen Säulen unserer Ölversorgung.  Derzeit kommen jedoch aus Kanada eine Reihe von Meldungen, die leise Zweifel aufkommen lassen. Ein aktuelles Problem ist die Auslastung der Pipelines in die USA durch das Öl aus dichten Gesteinsformationen, was derzeit zu verstärkten Eisenbahntransporten von Rohöl führt. Diese Tatsache ist in den letzten Wochen durch spektakuläre Unfälle in die Öffentlichkeit getreten, Beispiele finden sich hier und hier. Transporte mit der Bahn lassen sich schneller und billiger ausweiten als dies durch Pipelines möglich ist.

Ein weiteres Thema rückte bei Insidern durch einen aktuellen Unfall bei der in-situ Förderung in den Vordergrund. Eines der in Alberta angewandten Verfahren zur Förderung von Öl aus den sogenannten Tar-Sanden ist die Dampfinjektion, mit der Bitumen verflüssigt wird und abgepumpt werden kann. In dem beschriebenen Fall kam es zu einem Durchbruch des Dampf-Bitumen-Gemisches an die Oberfläche. Neben der großflächigen Kontamination der Erdoberfläche wurden auch Wasserleiter verunreinigt. Zudem ist an dieser Stelle keine weitere in-situ-Förderung mehr möglich. Der aktuelle Fall ist nicht der erste. Die Größenordnungen und Mengen, um die es bei diesen Unfällen geht, werden deutlich, wenn man den Unfall des Unternehmens Total 2006 betrachtet. Dort riss die Erde auf über einem Kilometer auf, 30 Millionen Barrel Bitumen galten danach als nicht mehr förderbar. In Mecklenburg-Vorpommern sollen mit der zukünftigen Ölförderung in 25 Jahren ingesamt 40 Millionen Barrel gefördert werden. Mit einer Ausweitung dieser Fördermethode ist leider auch eine Zunahme entsprechender Unfälle zu erwarten.

Neben Unfällen, Umweltthemen, Wasser- und Erdgasverbrauch ist aktuell noch ein weiteres Thema hinzugekommen, dass einige bereits vermutet hatten, jetzt aber durch aktuelle Forschungsergebnisse unterlegt wurde. Die Dampfinjektion zum Herauslösen des Bitumens ist ein sehr ineffizientes Verfahren, das nach den Ergebnissen einer Arbeitsgruppe der Universität Calgary nicht einmal einen Energiegewinn bringen muss. Es wird also ein Energieträger in einen anderen transferiert, was ökonomisch durch unterschiedliche Preise für Energieträger erträglich sein kann, energetisch aber unsinnig ist. Derzeit wird für das Verfahren hauptsächlich Erdgas verwendet, der Bau von Atomkraftwerken für diese Zwecke wurde bereits vor Jahren diskutiert. Die Förderung konventionellen Erdgases ist in den USA und in Kanada rückläufig, derzeit fällt das durch die Förderung von Erdgas aus dichten Gesteinen mittels hydraulischen Fracking nicht auf. Langfristig ist das aber nicht haltbar. Zudem kann sich jeder die volkswirtschaftlichen Folgen klar machen. In den Statistiken taucht eine Erdgasförderung auf, die sogleich wieder im Erdboden versenkt wird, um dann mit nahezu gleichem Energiegehalt als zusätzliche Ölförderung wieder Eingang zu finden. Eine Ausweitung dieses Verfahrens führt also zu einer Steigerung der Fördermengen für beide Energierohstoffe, für die effektive Nutzung in steht davon aber nur ein kleiner Teil zur Verfügung. Selbst bei einer 100 %igen Effizienzsteigerung bleibt hier der Energy-return-on-energy-investet (EROEI) katastrophal. An Klimaschutz braucht man bei der Nutzung derartiger Ressourcen auch nicht mehr zu denken.

Damit erweisen sich auch die Eingangs genannten Prognosen als Nebelkerzen, die von tatsächlichen Problemen ablenken. Es gibt zu einem beschleunigten Umbau unserer Energiesysteme keine Alternative. Die Probleme aus einem Festhalten nehmen derzeit so schnell zu, dass ein Wechsel immer schwerer wird.

Nigerianische Verhältnisse in Brandenburg?

Bisher kam der Benzindiebstahl aus Pipelines als Nachricht zumeist bei Meldungen aus Afrika daher. Besonders Nigeria ragt hier heraus, was dort dazu führt, dass Unternehmen wie Shell ihr Engagement im Land reduzieren. In diesem Monat kam eine Diebstahlmeldung aus Brandenburg. Unbekannte haben dort eine Produktepipeline von Schwedt nach Berlin auf einem Acker freigelegt und dann angebohrt. Dabei traten größere Mengen Benzin aus. Der Pipelinebetreiber hatte bereits einen Druckabfall bemerkt und die Pipeline geschlossen. Es bleibt zu hoffen, dass derartige Straftaten in Deutschland eine Ausnahme bleiben.

 

Die große Hoffnung Technologie

In Brasilien droht derzeit die größte Pleite Lateinamerikas, der Ölkonzern OGX kann seine Zinsen nicht mehr bezahlen. Angesichts eines seit Monaten hohen Ölpreises und dem allgemeinen Konsens, Brasilien wird eines der großen zukünftigen Ölförderländer sein, eine erstaunliche Tatsache. Noch erstaunlicher wird es, wenn etwas mehr hinter die Kulissen geschaut wird. Dem oben verlinkten Artikel des Wallstreet Journal Deutschlands  kann folgende Aussage entnommen werden: „Der rasante Abstieg von OGX setzte 2012 ein, als das Unternehmen seine ehrgeizigen Produktionsziele verfehlte. Kurz zuvor hatte OGX erklärt, dass der Großteil seiner Ölfelder ökonomisch nicht brauchbar sei, weshalb man die Entwicklungsaktivitäten einstelle.“ Damit hat das Unternehmen 2 Probleme, die sowohl die aktuelle finanzielle Situation einschränken, aber auch eine zukünftige Erholung erschweren.

OGX hat sich auf die Offshore-Förderung vor der brasilianischen Küste konzentriert, die derzeitigen Aktivitäten finden im Campos-Becken vor der Küste des Bundesstaates Rio de Janeiro statt. Derzeit fördert OGX nur in dem Feld Tubarao Azul, die Förderung wurde 2012 gestartet. Das Feld fördert bisher nicht einmal die Hälfte der prognostizierten täglichen Ölproduktion. Dazu kommt eine aktuelle Einschätzung, nach der die Produktion des Feldes bereits 2014 zum Ende kommen wird. Bemerkenswert ist die Einschätzung, dass es für eine ökonomische Verlängerung der Produktion aus dem Feld derzeit keine Technologien gibt. Das Feld ist viel zu zerklüftet und mit zahlreichen geologischen Störungen durchzogen.  Als nächstes soll das Feld Tubarao Martelo in Betrieb genommen werden, die Produktion soll noch in diesem Jahr starten.

Darüber hinaus gibt es zahlreiche Erkundungsbohrungen in verschiedenen Feldern, für die OGX entsprechende Rechte hält. Bisher wurde zu keinem dieser Felder eine Aussage zu einem möglichen Produktionsstart getroffen. Da üblicherweise zuerst die einfacher zu fördernden Projekte gestartet werden, ist auch hier mit massiven Schwierigkeiten zu rechnen.

Für mich leiten sich aus dem dargestellten Fallbeispiel 2 wesentliche Botschaften ab:

  1. Das Festhalten an der alten Energiestruktur mit Erdöl als wichtigsten Energieträger für die globalen Transportleistungen wird sehr, sehr teuer. Die Unternehmen operieren nur wenige Jahre nach dem Beginn des globalen Förderplateau im Jahre 2005 an der Grenze des ökonomisch und technologisch Machbaren. Die Kosten, die diese Aktivitäten verursachen, sind für viele Volkswirtschaften langfristig kaum zu tragen.
  2. Technologie ist kein Heilsbringer. Mit neuen Technologien können bestehende Grenzen verschoben werden, dies gelingt jedoch nicht beliebig. Die Fortschritte sind in der Regel langsamer, als manche Kommentatoren darstellen.

Wenn ein weiter so unserer Energienutzung zunehmend schwieriger wird, warum bremsen wir dann den Umstellungsprozess?

Bürgerenergieanlage in Rostock

Seit September 2010 liefert eine von Bürger finanzierte PV-Anlage Strom in der Stadt Rostock. Obwohl dieses Modell recht erfolgreich ist, konnte bisher keine weitere Anlage realisiert werden. Dabei mangelt es nicht an Geld. Allein die Projektentwicklung ist ist einem Umfeld, in dem viele Entscheider aus verschiedensten Gründen bisher eher blockieren, mit nebenberuflicher Aktivität kaum zu stemmen.

Die bisherige Anlage steht auf einem Wohnhaus von Rostocks größter Wohnungsgesellschaft WIRO. Die Realisierungszeit inklusive der Gründung der Gesellschaft als GmbH&Co. KG betrug 4 Monate.

Inbetriebnahme: 27. September 2010
Installiert Leistung: 20 kW Peak
Prognose Jahresenergieertrag: 19.420 kWh/a
Investitionskosten inkl. Gründung der Gesellschaft: 62.720 €